Weblogs werden von Spöttern gerne online Tagebücher genannt. Medienmacher, wie Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von Spiegel Online, bezeichnen 90% von ihnen gar als „Müll“. Dennoch ist allen, die professionell mit Kommunikation zu tun haben klar: Hier entwickelt sich auch in Europa ein Phänomen jenseits des Hype.
Zunächst, vielleicht typisch deutsch, fand sich das Thema in den Feuilletons der FAZ am Sonntag und der ZEIT. Dann schwappte die Blogwelle aus den USA in die Berichterstattung über den US-Wahlkampf 2004. Spätestens seit dieser Zeit beschäftigen sich auch die restlichen Medien und die PR-Welt mit Blogs.
Auf den ersten Blick ist diesen unscheinbaren Online-Journalen so gar nichts Revolutionäres anzumerken. Am besten, so dachten sich auch zwölf PR-Profis aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, lassen wir uns dieses Phänomen von einem Fachmann erklären. An einem sonnigen Freitag im April trafen sie sich bei “newsaktuell” in Hamburg, um sich von Herrn Wolfgang Lünenbürger-Reichenbach, selbst Blogger und gelernter Boulevard-Journalist, die Welt der Blogs erklären zu lassen.
Das Motto des Seminars, “Weblogs verstehen“, hatte PR-Referenten und Pressesprecher aller Couleur an die Elbe gebracht. Die Pressesprecherin von “Mickey Maus” (Ehapa Verlag, Berlin) genauso wie die Vertreterin des Grünen Klubs im Wiener Parlament. Die Pressesprecherin einer deutschen Brauerei, die sich gerade den Namen an der Arena auf Schalke gesichert hat, und Vertreter von Chemie- und Umweltunternehmen. Eine bunte Mischung also.
„Im Grunde sind Weblogs der moderne Boulevard“ fasst der Referent zusammen. Mit dem Unterschied, dass sich nun alle auf diesem Boulevard tummeln können, “die Rückkehr zu den Anfängen des Journalismus”. Die Online-Communities früherer Zeiten haben sich nun letztlich durch die starke Verlinkung der Weblogs untereinander, und dem damit verbundenen hohen Ranking in Suchmaschinenen wie Google, sowie dem Auseinandersetzen mit großen Namen und etablierten Medien aus ihren Nischen in die Pole Position katapultiert.
Im Seminar geht es deswegen auch um neuere technische Entwicklungen, wie RSS (real simple syndication) und so genannte Tags, Schlüsselbegriffe die die Millionen Onlinebeiträge zusammenfassen, um sie durch den Menschen erfassbar zu machen. Entwicklungen, die das Rezeptionsverhalten von Webnutzern nachhaltig beeinflussen.
Eigentlich könnte man erwarten, dass in solchen Seminaren vor allem Abwehrstrategien gegen die so unerhört laut gewordenen Kunden, Nutzer und Besserwisser vermittelt werden. Das ist zumindest an diesem Tag bei newsaktuell kein Thema. Neugier ist das dominierende Gefühl. Der ganze Fachsprech der Blogosphäre will auch erst mal gelernt werden. Pings, Trackbacks, und Co., technische Fachbegriffe, mit denen sich der Kern der Bloggercommunity in Deutschland gegen die Vereinnahmung durch die Massen(medien) zu schützen scheint.
Am Ende haben alle verstanden, was sie bereits vorher geahnt haben. Weblogs sind ein Ernst zu nehmendes Kommunikationsphänomen. Nicht neu, aber eben jetzt erst verwirklichen sich die seit zehn Jahren angekündigten Effekte des WWW: Jeder ist Publizist und eine Masse von Publizisten machen eben manchmal Meinung. Gut, wenn man weiß, wie das funktioniert.
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