Paid Content: abendblatt.de als Abo – finde ich gut

Hamburg. Es ist aussichtslos, spotten Experten. Es ist selbstmörderisch, argwöhnt die Konkurrenz. Es ist unverschämt, denken die Nutzer. Und doch werden wir es tun: Wir wagen, Werthaltiges im Netz künftig nicht mehr zu verschenken, sondern zu verkaufen.

… so beginnt die Rechfertigung des stv. Chefredakteurs des Hamburger Abendblatts, weshalb nun große Teile des Online-Angebotes ebenfalls nur per Abo, also neudeutsch als paid content angeboten werden sollen. Das Argument Qualitätsjournalismus ist eines, das mich auch nicht überzeugt – und dennoch finde ich den Schritt gut und in Teilen richtig.

Wenn es ein weiter so nicht gibt, die Refinianzierung von Redaktionen und Verleger-Rendite über Werbung online nicht (mehr) funktioniert (wobei man sich man anschauen muss, wer hier die Preise verdirbt ;), dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten.

  • 1. Ich muss mein Angebot so wertig machen, dass ich trotzdem zu hohen Preisen Werbung verkaufen kann. Dieses Modell beobachte ich bei Die Zeit online gerade.
  • Oder ich muss 2. es mit paid content probieren, zumindest für die Teile meines Angebotes, von denen ich annehmen kann, dass sie eigenstehenden Nachrichten- oder Informationswert besitzen.
  • In beiden Wegen liegt allerdings ein großes Wagnis. Das Versprechen zu halten, entweder gegenüber der Werbewirtschaft oder den zahlenden Kunden, dass der Wert meiner Postille, die Marktführerschaft des HA in Hamburg bspw. sich nicht aus der Vertriebsmacht des Axel Springer Verlages erklärt, sondern in der Qualität der Inhalte und das Verlangen der Leser für sie eine Wand zu erklimmen. Die Bezahlwand kann hier liebgewonnenen Selbstbetrug zerstören oder zu neuer Kraft im Journalismus beitragen. Ich bin sehr gespannt.

    Disclosure: Ich bin privat Abonnent des Hamburger Abendblatt, beruflich arbeite ich mit einigen seiner Mitarbeiter gerne und gut zusammen.

    Tags: , , , , , ,

    9 comments

    1. Ich bin mir da noch weniger sicher. Heute früh, als ich das las (auf Papier, an einem Ort, an dem ich allein bin), musste ich erst lachen. Dann ärgerte ich mich, dass ich ggf. die Hotline anrufen muss, um rauszufinden, was denn meine Zugangsdaten wären. Und schließlich finde ich das Argument falsch.

      Denn auch bei einer Papierzeitung zahle ich eben NICHT für den “Content” oder den Journalismus, sondern ich zahle einen Teil der Distributionskosten. Druck und Auslieferung und Zustellung kosten in der Regel mehr als mein Abo oder der Einzelverkaufspreis. Journalismus an sich ist historisch betrachtet noch nie von den Konsumenten der journalistischen Erzeugnisse bezahlt worden. Warum also sollte das im Web anders sein?

      Und die – tschuldigung – latent verlogene oder einfach nur aus Unweissenheit gespeiste Argumentation ärgert mich so, dass ich zu einem anderen Schluss komme als du, obwohl ich nicht an sich Paid Content ablehne.

      • Am tollsten finde ich ja das Experiment an sich.

        Außerdem erinnert mich die Unterscheidung in Qualitätsjournalismus (Print) und das andere (online) immer an die Auseinandersetzungen um die Kulturetats zwischen Oper und Loveparade ;)

    2. Aber die jungen, hippen facebooker lesen doch Welt Kompakt?

      Hat sich der ASV das jetzt so aufgeteilt?

      HA verprellt und stellt online ein und WK soll einsammeln? So einfach dann wohl doch nicht.

    3. Update: M. Iken lädt Stefan Niggemeier (ebenda) zum Kommentar-Battle ins Abendblatt:

      “Sie bekommen die nächste Ansichtssache im Abendblatt, wenn Sie wollen. Ich bin gespannt!”

    4. Problem in einer Stadt wie Hamburg, es gibt keine Konkurrenz zum Abendblatt und dabei ist das Abendblatt auch noch eine grausame, einseitige Zeitung.

      Sonst gibt es nur noch Boulevard oder Lokalteile von überregionalen Zeitungen.

    5. Sehe ich es richtig, das WELT Online keinen Content-Bereich “Hamburg” mehr hat? Das erscheint konsequent vom ASV. Wie das Experiment ausgeht werden wir sehen.

      In Berlin bekommen wir mit der Berliner Morgenpost ja genau das gleiche Problem.

    6. Im Falle Abendblatt sollte man empfehlen, es zunächst einmal mit Qualitätsjournalismus zu versuchen, bevor man für eben diesen zur Kasse bittet. Vielleicht aber lässt sich Holtzbrinck nun ja endlich dazu bewegen, mit einer Lokalausgabe des Tagesspiegel in den Hamburger “Zeitungsmarkt” einzusteigen. Lokaljournalismus ist in dieser Medienwüste sowas von überfällig.

    Leave a comment