
Wenn unser blogfreier Mitautor MoMo mit seiner Stadtteilmannschaft in die Hauptstadt fährt, dann kommt eine rReiselektüre einer Berlineise, eine Charakterstudie von Berlin-Mitte dabei heraus, die sich gewaschen hat:
(…) Seltsam schön auch das verrostete Skelett des Palastes der Republik, gewaltig und trotzig konterkarriert es den verwitterten Dom. Eine Schande, daß dieses sozialistische Mahnmal weichen muß, in dem Lindenberg einst im Sinne Bots’ als weiches Wasser den Stein brechen wollte, als man ihm den Sonderzug nach Pankow doch noch gewährte. Vor der Ruine ein Zentral-Event der Grauen Panther, ein Liedermacher mit Akustik-Gitarre beim Soundcheck – und den Weg an den Hackeschen Höfen vorbei mag ich nicht mal beschreiben, da ist’s, wo Berlin in seinem überkandidelten Wichtiggetue am unangenehmsten ist, trotz dieses hübschen Platzes vor der S-Bahn-Station.
Ein Kaffee und ‘ne Apfelschorle drum an der Kastanienallee, die Zugereiste zwanghaft witzelnd und in neugewonnener Selbst-Ironie sich feiernd “Casting-Allee” nennen.
Die Leute, die da so schlurfen Samstag Mittags, hätten bei einem solchen allerdings keine Chance. Im Café schräg gegenüber jammed eine weibliche Folk-Stimme zur E-Gitarre und demonstriert, wieso der Sound der White Stripes eben kein Kompormiß ist im Gegensatz zu ihren Versuchen der Gefälligkeit als Frühstücks-Ambiente.
Dennoch merke ich endlich, was mich an Berlin so stört – in jenem Moment, als eine Dunkelhaarige mit geschürztem Busen per Fahrrad ihre knallorangene Strickjacke spazieren fährt und ein Schreck mich durchfährt. Eine reine Farbe inmitten von oliv! Jeder zweite trägt verwaschenes Oliv, zwischen Jeans, deren Blau demonstrativ und wahrscheinlich aktiv verblichen wurde, zwischen beige und dirty-braunen Jacken, aber bloß nicht zu braunen, mindestens einmal durch Bleiche geschummelt, das ist Pflicht. T-Shirts, Cargo-Hosen, eine einzige gebrochene Farbskala: Selbst die rote Trainingsjacke eines Blondierten – natürlich rausgewachsen, wie alle Frisuren dort rausgewachsen sein müssen, außer den Glatzen, natürlich ist das Blond gelblich und nicht wasserstoffblond – sieht aus, als sei sie vor dem ersten Auftragen in harter Arbeit mehrfach mit schwarzen Jeans gewaschen worden. Die Bewohner eines Hauses, das in reinem Siena strahlt, werden wahrscheinlich durch subtile Mechanismen sozialer Kontrolle alltäglich diskriminiert. Es ist niemand richtig braun und niemand richtig blaß, die Schwarzen mittendrin fallen auf durch Eindeutigkeit, wie sowieso schwarz das Einzige ist, was nicht gebrochen wird. Selbst das Licht in Berlin ist immer etwas milchig – mich befällt tiefe Sehnsucht nach einem kräftigen Fuchsienrot …
PS: Sogar das anschließende Fußballspiel Hertha BSC II gegen den FC St. Pauli ist irgendwie verwaschen.
Tags: St. Pauli

Tach auch,
ich möchte nur anmerken, dass es sich bei den oben beschriebenen Berlinern keinesfalls um echte Berliner handelt.
Der Autor unterlag bei seiner Recherche leider einer Täuschung, indem er die in Berlin in Massen auftretenden Hanauer für echte Berliner hielt.
In Berlin MItte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain sind mittlerweile nur noch vereinzelt wilde Berliner zu finden. Der Rest, der aus ihrem Lebensraum verdrängten Berliner, ist heutzutage nur noch in Reservaten wie Wedding oder Moabit zu bestaunen.
Den restlichen Anmerkungen über Berlin kann ich zustimmen.