Die Politisierung der deutschen Blogosphäre und der Irrtum der netzeitung

Die netzeitung interpretiert heute die Ergebnisse des Forschungsdoppelbands «Neue Schriften zur Online-Forschung Bd.2&3» im Hinblick auf Blogs:

Im September 2005 sah sich der amerikanische Journalist Sean Sinico anlässlich der Bundestagswahlen in der deutschen Blogosphäre um. Die Deutschen Welle brachte seine Analyse damals unter der Überschrift „Blogs Making Baby Steps in German Politics“. Das war keine Provokation, sondern Fazit einer nüchternen Bestandsaufnahme.

Vor ein paar Wochen führte das Zitat von Sinicos damaliger Einschätzung zu deutlichen Abwehrreaktionen aus der A-Blogger-Szene. In der Abwehr unter ging die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Feststellung, dass auch der aktuelle Vergleich US-amerikanischer politischer Blogs mit ihren deutschsprachigen Pendants ergab, welch geringe Rolle politische Blogs im deutschsprachigen Raum spielen.

Die Methode, den Entwicklungsgrad einer nationalen Blogosphäre an ihrer Politisierung abzuleiten hat der Haltungsturner bereits ausgiebig kritisiert. Ich stimme ihm da zu.

Das (stichpunktartige Suchen nach Keywords, wie “Irak” und “Merkel”, Anm. d. A.) hielte ich für eine Fragestellung – mal abgesehen davon, dass ich die These Politisierung = Professionalisierung bedenklich finde -, die völlig ungeeignet ist, die Politisierung deutscher Blogs und deutscher Blogger festzustellen.

Vielleicht liegt der Irrtum der netzeitung ja auch einfach darin, dass A-Blogger (also Reichweiten- und Link-Starke Blogs) in Deutschland nicht vornehmlich über Politik bloggen, sondern über Medien, Pop oder das Bloggen selbst.

Natürlich gibt es eine große politische Blogosphäre. Die ist in Deutschland allerdings extremistischer als in den USA, was wiederum viel mit dem Anstand und Respekt vor der politischen Meinung anderer zu tun haben könnte. Der ist in den USA einfach höher.

Politik wird in Deutschland entweder verkopft gebloggt oder kommt aus dem Darm. Der Bauch ist leider viel zu selten Entstehungsort von politischer Artikulation. Das ist bedauerlich, sagt aber über die Politisierung deutscher Blogs gar nichts aus.
Seit ich Mitautor bei shifting reality bin jedenfalls, kommt mir das oft so vor.

Nachtrag: (1)
Neben den vielen richtigen Punkten, die netzpolitik.org noch zu dem netzeitungsartikel anführt, erscheint mir der folgende Satz wichtig zu sein:

Ein Unterschied könnte auch sein, dass US-Politik-Blogs von Journalisten als Quellen genannt und verwendet werden.

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5 comments

  1. Erster Gedanke von mir war auch: Ja, dann schaut doch nicht nach den A-Bloggern. Die bedienen ein bestimmtes Publikum. Den C- und Lower-Bloggern ist es eher egal, was das Publikum liest. Also wird auch schon mal politisch gebloggt.

  2. Ein struktureller Fehler, den sowohl die so gen. Wissenschaftler, als auch Medien wohl machen müssen.

    Das Unverständnis von sozialen Netzen trieft ja aus dem Beitrag, dass es nur so eine Freude ist.

    (Was übrigens aber sich auch wieder in der Polarisierung der US-Blogosphäre in Leuchtturm-Blogger widerspiegelt – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung)

  3. Ich habe schon bei Herrn Haltungsturner kommentiert, dass ich diese Thesen für ziemlichen Nonens halte. Ich finde die Untersuchungsmethode falsch. Man nicht am Scan nach Buzzwords mechanisch herausfinden, ob ein Blog politisch ist oder nicht. Ich muss nicht in jedem Blogpost “Iraq”, “Bush” oder sonstwas hinschreiben, um als “politischer” Blog zu gelten. Was ist mit “Schulmisere”, “Kohlekraftwerk” und anderen Begriffen? waren sie den Analysten der Untersuchung bekannt. Was ist wenn ich gar keine Buzzwords verwende? Und trotzdem politisch bin? Das ist eine “Untersuchung” von Blendern… Schwachsinn.

  4. So isses lieber Cem, oder hättest Du gedacht, dass dieser Blog hier oft ein Politblog ist?

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